Das Randfilmfest 2016 – Ein Rückblick

Im November ging in  Kassel das Randfilmfest 2016 über die Bühne - das dritte Randfilmfest überhaupt, welches der Randfilm e.V. in der Kasseler Nachrichtenmeisterei auf die Beine gestellt hat. Wir erinnern uns: 2014 waren es noch drei Filme an drei Tagen, 2015 dann schon deutlich mehr, und in diesem Jahr reichte es sogar, um zwei Säle von früh bis spät parallel auszulasten.

Viel los im Foyer auf dem Randfilmfest 2016

Eine Qual der Wahl für jeden Festivalbesucher, gab es doch neben 21 Filmen auch etliche Live-Events - Lesungen, Konzerte, Vorträge oder Podiumsdiskussionen - mit zum Teil prominentesten Gästen zu erleben. Arno Frisch, Jörg Buttgereit, Prof. Dr. Marcus Stiglegger, Dr. Kai Naumann und unzählige andere gaben sich ein Stelldichein. Ein Programm, welches nicht darauf angelegt war, in seiner Gänze erfasst zu werden. Irgendetwas verpaßte man immer. Eine Überfülle, die von der Dringlichkeit erzählte, Filme vom Rand des Mainstreams stärker in den Fokus der eigenen Wahrnehmung zu rücken.

Und so war dann auch das Thema REALITY FICTION FEAR eng am Puls der Zeit. Filme zwischen Dokumentation und Spielfilm. Die Grenzen: fließend. Sicherheiten oder Verläßlichkeiten: Fehlanzeige. Ein Programm, welches Horrorfans verschrecken und Arthousefans irritieren sollte. Aber wer oder was ist dann ein Randfilm und was sind das für Leute, die solch ein Festival besuchen?

Der Festival-Freitag

Festival Eröffnung, Festival-Party und Back to the 90s

Den Anfang machte am späten Freitagnachmittag die amerikanische Produktion "The eyes of my mother". In kunstvollem Schwarz-Weiß erzählte der Film in ruhigen Bilder die verstörende Geschichte einer Frau, die durch ein traumatisches Erlebnis aus der Bahn geworfen wird. Außen bildhübsch, offenbart sich im Lauf der Story ihre innere Monstrosität.

Parallel dazu lief auch der erste Block einer Kurzfilmreihe mit Anwärtern auf den neu gegründeten Filmpreis "Rand Award". Insgesamt acht Filme traten hier in Konkurrenz.

Schauspieler Arno Frisch im Gespräch mit Festivalmoderator Ingo J. Biermann

Die offizielle Eröffnungsgala sah dann einen frühen Film von Michael Haneke: "Benny`s Video". Hauptdarsteller Arno Frisch wurde vom Publikum begeistert empfangen, nachdem Gerold Eppler vom Museum für Sepulkralkultur Kassel, sowie Trashfilmfestival-Urgestein Ralf Kemper in ihren Grußworten den Randfilmern und ihrer Arbeit alles Gute gewünscht hatten.
Und dann: "Benny`s Video"! 1992 gedreht schien diese eisige Studie über eine enthumanisierte Gesellschaft bereits spätere Entwicklungen wie das Platzen der Investmentblase vorwegzunehmen. Und aus der Distanz konnte man die Leistung des damals 14jährigen Jungen, der als Benny mühelos neben Angela Winkler und Ulrich Mühe bestehen konnte, kaum hoch genug einschätzen.
Im anschließenden Q & A, welches der Filmemacher Ingo J. Biermann mit Arno Frisch führte, erzählte dieser von seinen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Michael Haneke und wie er den Film als Teenager empfunden habe. Er äußerte sich froh und begeistert, den Film so gut gealtert zu sehen und bezeichnete ihn sogar als den aus seiner Sicht besten Film von Haneke.

Im Anschluß dann Aufregendes aus Deutschland: Mit dem "Nachtmahr" stand eine der ungwöhnlichsten heimischen Produktionen der letzten Jahre auf dem Programm. Ein Film jenseits von Fördergeschmack und Arthouse. Und dennoch kunstvoll und bodenständig zugleich. Die Geschichte einer Heranwachsenden, die mit einem Wesen ungeklärter Herkunft in eine Symbiose gerät, läßt sich vielseitig deuten. Als Coming-of-age-Drama mit Horrorelementen oder als Gesellschaftsparabel über das Aufsprengen von Rollenmustern. Aufregend wegen eines ohrenbetäubenden Soundtracks und stroboskopartigen Schnitten blieb kaum ein Besucher unbeeindruckt.

Und während im Hauptsaal die Techno-Bässe des Nachtmahrs wummerten, konnte man im gemütlichen Studio-Kino nebenan randiges Repertoire-Kino genießen: Mit "Mann beißt Hund" und "Blair Witch Project" zurück in die Neunziger. Überraschend, wie wenig beide Filme von ihrer Wirkung verloren haben. "Mann beißt Hund" ist eine bittere Mediensatire. Ein Serienkiller bei der Arbeit, aber das junge Dokumentarfilmteam geht schon auch mal mit zum Muschelessen oder besucht mit ihm Ausstellungseröffnungen und Hauskonzerte. Ein Film, der den alltäglichen Wahnsinn aufzeigt und uns aus dem Medienschlummer rüttelt. Genauso wie "Blair Witch". Immer noch gruselig, immer noch faszinierend, wie viel mehr das Weniger wirklich sein kann.

Chillen mit den Stargästen in der krittiq-Lounge

So steuerte der erste Abend allmählich auf seinen Höhepunkt zu: die Festivalparty. Eine Umbaupause von gut einer dreiviertelstunde ließ sich im Foyer locker überbrücken, das mit einer gutbestückten Bar aufwarten konnte. Außerdem lud die Kasseler Filmdatenbank "Krittiq" zum gemütlichen Chillen in den Lounge-Bereich.

Ein weiteres Schmankerl im Foyer war die Buchausstellung "Zeichen und Wunder" der Kölnerin Tina Tonagel. Neun Bücher - vom Lustigen Taschenbuch bis zum Gesangbuch - welche für ihre Besitzer zum Lebensretter wurden, indem sie tödliche Kugeln auffingen. Realität oder Fiktion? Das Kopfkino setzte sich ratternd in Bewegung.

Gegen Zwölf war dann endlich UMBERTO aus Los Angeles an der Reihe. Mit seinen Synthi-Klängen verwandelte er scheinbar einfache Soundstrukturen in komplexe und extrem tanzbare Klanggebilde.
Eingehüllt von Nebelschwaden waren die knapp fünfzig Minuten ein unvergesslicher Rausch. Für Umberto war Kassel neben Berlin die einzige Station seiner Europa-Herbsttournee, aber "Musikalisch", so ließ er im Anschluß verlauten, "war das sicher eines meiner besten Konzerte überhaupt!"

Um da nicht den Anschluß zu verpassen, mußte sich der Schwedische Musiker und Wahlberliner MOON WHEEL mächtig ins Zeug legen, hatte aber kaum Mühe, das aufgeheizte Publikum noch weiter voranzutreiben. So nahm er den Faden seines Vorgängers kongenial auf. Kopf und Ohr wurden in komplexe Fäden gewickelt und delirierenden Klimaxen entgegengeworfen. Ausgesprochen heilsam, um nach den verstörenden Filmerlebnissen des Abends den Kopf wieder frei zu bekommen.

Der Festival-Samstag

Filme, Panels, Sensationen

randfilmfest 2016, forbidden room Samstag früh hieß es: gut gefrühstückt und mit einem heißen Kaffee einchecken zu Martin Beines Marathon-Panel. Während draussen der dichte Kasseler Dauernebel herrschte und Temperaturen um den Gefrierpunkt, ging es rund sechs Stunden lang "Vom Nil zum Amazonas". Im Gespräch mit Volker Beller entwickelte Beine seine Einführungen zu den Filmen "Africa Addio" und "Der lachende Mann" und stellte zum Teil überraschende Querverweise her. Zum Beispiel, wenn der im "Lachenden Mann" interviewte Kongo-Müller von seiner Begegnung mit dem Regisseur von "Africa Addio" erzählte und sich dabei herausstellte, daß dieser reale Erschießungen für seine Kamera nach filmemacherischen Gesichtspunkten arrangiert haben wollte.

Auch im Studio-Kino gab es harte Kost: Mit "Funny Games" - als Matinee zusammen mit dem Kurzfilm "Long Distance Call" programmiert - zollte das Randfilmfest seinem Stargast Arno Frisch Tribut. Der sympathische Schauspieler erschien dann auch persönlich, sah sich entgegen seiner vorherigen Ankündigung ("Der Funny Games ist ja nur schwer zu ertragen") beide Filme an und entdeckte sie zusammen mit dem Publikum zum Teil nocheinmal neu. Gutgelaunt erzählte er im anschließenden Gespräch von dem Spaß, den er und sein inzwischen verstorbener Kollege Frank Giering beim Drehen gehabt hatten. Hinter den Kulissen, so Frisch, sei die Atmosphäre ja stets so künstlich, daß man von der Ernsthaftigkeit des fertigen Filmes eigentlich gar nichts spüre. Außerdem habe Haneke so genaue Vorstellungen vom Resultat, daß man sich ihm voll und ganz habe anvertrauen können.

Mit "Grizzly Man" fand auch erstmals ein Werner Herzog Film Eingang ins Randfilm-Ouvre. Der Film besteht größtenteils aus Aufnahmen, welche der Protagonist Timothy Treadwell - ein selbsternannter Naturschützer - von sich in der Wildnis gemacht hatte. Herzog zeichnet in seinem Off-Kommentar ein Psychogramm dieses Menschen, der seiner Leidenschaft, den Grizzly-Bären, schließlich zum Opfer fiel. Sowohl die ästhetischen Überschneidungen zum "Blair Witch Project" waren kaum zu übersehen, als auch das Spiel mit den Grenzen des Zeigbaren. In der beeindruckensten Szene hört sich Herzog die Tonaufnahme vom Todeskampf Treadwells und seiner Lebensgefährtin während des Bärenangriffs an. Wir sehen nur sein Gesicht, hören aber nicht, was er hört. Aber das reicht völlig. An einem Punkt stoppt Herzog schließlich das Band und spricht sich dafür aus, es für immer zu vernichten. Für Herzog ist das Geheimnis der letzte Zufluchtsort für die Würde des Menschen in der totalen Informationsgesellschaft.

Auch "Henry - Portrait eines Serienkillers" und "Leben und Tod einer Pornobande" nutzen dokumentarische Stilmittel. Während ersterer eine erschütternde und kompromisslose Milieustudie ist, setzte der serbische Beitrag auf durchgeknallte Charaktere und eine Chaos-Dramaturgie, die nicht selten an "Trainspotting" erinnerte.

Inzwischen hatte auch ein weiterer Stargast die Nachrichtenmeisterei erreicht: Jörg Buttgereit ehrte zunächst den Merchandise-Stand mit seiner Anwesenheit und zeigte sich beeindruckt von der großen Auswahl an Filmliteratur, Comics, Filmen und den Randfilm-T-Shirts.

Jörg Buttgereit bei der Lesung aus seinem Buch "Bersonders wertlos"

Dann ging es ins Studio, wo Buttgereit lediglich Macht seiner Stimme einen ausverkauften Saal in den Bann schlug. Launig und mit vielen improvisierten Einschüben erzählte er mehr als daß er las. Sein Buch "Besonders Wertlos" erwies sich dabei völlig entgegen des Titels als Schatztruhe der Anekdoten, Kritiken, vergessenen Filme. Von der Begegnung mit Christopher Lee, der ihn gefragt habe, ob er ein Nazi sei. Oder von der Unfähigkeit des Disney-Konzerns, eine Edition vom "Dschungelbuch" im korrekten Bildformat zu veröffentlichen. Und schließlich vom schundigen Grindhouse-Film "Haus der verlorenen Mädchen", einem prägnanten Beispiel des von Buttgereit so genannten Subgenres der "Dwarfploitation".

Nach der knapp vierzigminütigen Lesung wollte eigentlich keiner Buttgereit gehen lassen. Der von ihm ausgewählte Film, "The Sinful Dwarf" im Originaltitel, sprengte auf der nach unten offenen Skala des schlechten Geschmacks wahrlich alle Parameter. Der ein oder andere verstörte Zuschauer flüchtete sich noch vor dem Abspann in die Sicherheit des Thekenbereichs.

Mit viel Wissen und Spaß bei der Sache: Die Filmwissenschaftler Dr. Kai Naumann und Prof. Dr. Marcus Stiglegger

Dort konnte er dann die beiden Filmwissenschaftler Dr. Kai Naumann und Prof. Dr. Marcus Stiglegger entdecken, die es sich bereits auf dem Krittiq-Lounge-Sofa bequem gemacht hatten. Zur Prime-Time durften sie eins der großen Festival-Highlights präsentieren: Die Deutschlandpremiere des Films "The Witch Who Came From the Sea" von Matt Cimber. Der 1977 gredrehte Streifen war seit seiner Entstehung heftig umstritten und geriet während der britischen "Video Nasty"- Kampagne wegen seiner vermeintlichen Gewaltverherrlichung in Verruf. Völlig zu Unrecht, handelt es sich doch in Wahrheit um ein komplexes Psychogramm - ein Kammerspiel über das Gefängnis, das die Vergangenheit um die gequälte Protagonistin schlägt. Nach einiger sexuell motivierter weiblicher Gewalt steht am Ende die Befreiung. Und es dürfte vor allem das unverschämte Ende des Films gewesen sein, welches den Unmut von Kritik und Zuschauern damals hervorgerufen hatte. Ein Film, der seiner Zeit weit voraus war.

An diesem Abend stürzten sich Prof. Dr. Marcus Stiglegger und Dr. Kai Naumann im Rahmen eines Live-Kommentars zu diesem Film  voller Lust und Spielfreude ins Gewimmel von Interpretation und Vermutung. Ausgestattet mit Headsets und einem Monitor saßen sie mit dem Gesicht zum Publikum, so daß man stets zwischen der Leinwand und den Kommentatoren hin- und herschauen konnte. Daraus entspann sich ein hochamüsanter, hochinformativer Dialog, der sich während der Show sogar bis in den Zuschauerraum spann: Dort hatte Jörg Buttgereit Platz genommen und mischte sich schon mal schelmisch, wohlwollend und kenntisreich ein. Für jeden, der nicht geglaubt hätte, daß ein Film bei der ersten Sichtung einen Audiokommentar verträgt, erwies sich das Experiment dann auch als echter Erfolg und gelungene Einleitung für alle, die den Film in seiner ganzen Abgründigkeit tags darauf nocheinmal in der Matinee ohne Audiokomentar entdecken wollten.

Nach dem Film dann: Gespannte Erwartung. Regie-Veteran Matt Cimber, der Macher von "The Witch Who Came From the Sea" sollte live per Skype aus Los Angeles für ein Interview zugeschaltet werden. Und als der knapp achzigjährige schließlich mit dicker Hornbrille auf der Leinwand über den Köpfen von Stiglegger, Naumann und Buttgereit erschien, war es für so manchen, als schaue Gottvater selbst von einer Filmwolke herab.

Skype-Interview mit Regielegende Matt Cimber

Mit viel Understatement sprach Cimber dem Publikum zunächst seine Bewunderung dafür aus, sich durch so einen deprimierenden Film gekämpft zu haben. Dann erzählte er Anekdoten zur Entstehung des Drehbuchs und der Arbeit mit Hauptdarstellerin Millie Perkins, deren damaliger Freund Jack Nicholson nach der Premiere zu ihm gesagt habe: "Matt, this is a very weird film." Ausgerechnet er, meinte Cimber, der in den weirdesten Filmen überhaupt gespielt habe.

Cimber bedauerte sehr, daß sein Film damals so mißverstanden wurde, räumte aber auch ein, daß die Produktion eines solchen Films - an der er selbst mit persönlichen Investitionen maßgeblich beteiligt war - so heute nicht mehr möglich wäre.

Zum Schluß bedankte er sich für die Einladung und sagte bereits sein Kommen nach Deutschland mit einer Werkschau seiner hierzulande größtenteils völlig unbekannten Filme zu.

Raw-Meat-Dark-Punk mit "Totenwald"

Ob es dann genau so voll sein wird, wie an diesem Samstagabend zur Festivalparty? TOTENWALD aus Berlin hatten sich angekündigt, und mit ihnen schriller New Wave Punk wie er körperbetonter und greifbarer nicht sein könnte. Sängerin Trish heizte den Fans mächtig ein und bewarf sie mit postmodernen Slogans wie "Sex Sells", "What are you gonna do when reality attacks" und dem "Fukushima Blues". Wie die Band Totenwald selbst in ihrem Auftreten zwischen Parodie und Rückgriff oszilliert, geht es auch in den Texten hinter all den Protestallüren in Wirklichkeit um das Ringen nach einer neuen Bedeutung inmitten der Bedeutungslosigkeit. Um das zu erreichen, wurden hier Augen und Ohren ordentlich durchgepustet.

Und wer anschließend noch stehen, bzw. tanzen konnte, tat dies zu den Sets der Djs Ungehoersam und Zweicl.

Der Festival-Sonntag

VHS-Nostalgie, Rand Award und Jubiläumsgala

Jörg Buttgereit trifft VHS-Fan

Sonntag morgen, gegen 9:30 Uhr, war das Foyer des Interim in der Nachrichtenmeisterei von zwei Gerüchen erfüllt: Dem Duft frisch gebrühten Kaffees - und dem angenehm-vertrauten Dachbodenmief alter VHS-Kassetten. Zwar hatte sich zum bundesweit ersten einzigen Flohmarkt seiner Art nur ein einziger Händler eingefunden - der hatte dann jedoch solche Schätzchen wie "The Evil Laugh", "Der Linkshänder" oder "Alligator 1" im Gepäck. Und rief etliche Schaulustige und VHS-Fans auf den Plan, so daß für das nächste Jahr eine größere Beteiligung von Händlerseite durchaus vorstellbar wäre.

Starfrühstück im Hotel Reiss

Fast zeitgleich gab es ganz in der Nähe, im traditionsreichen Hotel Reiss, das Randfilm Star-Frühstück. Abseits vom großen Trubel einmal mit den Promis ein gemeinsames Müsli zu essen - diesem Ziel waren über ein Dutzend Filmfans an diesem Vormittag einen großen Schritt näher gekommen. Und so wurde beim Schmieren von Marmeladenbrötchen über die Fallstricke des Lebendigbegrabenwerdens geplaudert, oder über die Zukunft des rückläufigen DVD- und Bluray-Marktes. Freundschaften wurden geschlossen, Fanherzen schlugen höher, Eddings veredelten mitgebrachte Medien und Plakate, zukünftige Kooperationen wurden verhandelt. So zeigte sich Gerold Eppler begeistert von der Arbeit Jörg Buttgereits und war sich sicher, in bald wieder nach Kassel - für eine Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur - einladen zu wollen. Auch mit Marcus Stiglegger fand er sofort Anknüpfungspunkte, erwiesen sich doch beide als Kenner der Ästhetik mexikanischer Kriminalfotografie.

Gut gestärkt ging es dann zurück in die Nachrichtenmeisterei: In der brillianten Neuabtastung war das Meisterwerk des Giallo, "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" von Dario Argento, auf der großen Leinwand ein Genuß, den man auf der heimischen Mattscheibe immer wieder vergeblich sucht. Gerade im industriell geprägten Umfeld der Nachrichtenmeisterei konnte man gut nachvollziehen, wie es gewesen sein muß, sich den Streifen Anfang der Siebziger Jahre in einem Bahnhofskino anzusehen.

Wolfgang M. Schmitt zieht vor dem ausverkauften Saal-2 ein Fazit zur Vielfalt der Kinolandschaft

Im Studio betrat derweil ein bekannter Youtuber die Bühne: Wolfgang M. Schmitt. Obwohl in den "neuen" Medien zuhause, ist Schmitt doch ein Filmkritiker der alten Schule. Aus Anlaß des Randfilmfestes schaute er sich gezielt abseits des Mainstreams um und stellte die Frage, was denn eigentlich Nischenkino ausmache und welche Notwendigkeiten er sieht, um die Kinolandschaft in ihrer Vielfalt zu erhalten. Er bemängelte die starke Etikettierung von Filmwerken, die beinah jeder Minderheit und Randgruppe ihr eigenes Genre bescherte. Sei es der Schwulen-, der Rentner-, oder sogar der Horror-Film. Das führe zu einer Einengung, weil kaum jemand außerhalb der etikettierten Zielgruppe sich diese Filme ansähe und sie daher nicht die Beachtung fänden, die sie eigentlich verdient hätten. Auch die Filmkritik verlöre an Glaubwürdigkeit, wenn nicht mehr über die Qualität eines Filmes gesprochen würde, sondern nur noch darüber, ob er ein "wichtiger Genrebeitrag" sei. Seine Empfehlung: Die Nische auch mal verlassen - raus aus der Komfortzone, wo es erlaubt ist, auch einmal bei einem Kinderfilm zu weinen oder plötzlich Tom Cruise gut zu finden.

Und während im Saal 1 mit "We are the flesh" ein  Favorit des diesjährigen Fantasy Film Festes über die große Leinwand delirierte, übergab Wolfgang M. Schmitt das Studio an seinen Kollegen Alexander Schultz. Auch der ist treuen Randfilmfest-Gängern kein Unbekannter, stritt und bestritt er doch bereits im Vorjahr munter auf dem Podium das Thema "Ästhetik der Gewalt" mit Andreas Marschall und anderen.

In diesem Jahr führte er unter dem Motto "Forbidden Room - Blue Movie Magic" in die Welt der Erwachsenenunterhaltung jenseits des Horrorgenres. Und dennoch reichlich verstörend. Schultz, der sich bereits seit Jahren wissenschaftlich mit dem Porno auseinandersetzt, hatte dann auch so einiges zu erzählen, was dem 08/15-Gebrauchskucker so sicher noch nicht bekannt war. Zum Beispiel Leben und Werdegang von Regisseur und Schauspieler Robert Watkins, der mit dem Film "Corruption" einen der verstörendsten Erotikfilme aller Zeiten gedreht hat. Die anschließende Vorführung eben dieses Filmes in einer ausgezeichneten Neuabtastung war sicher einer der skurrilsten und abseitigsten Momente des ganzen Festivals.

Der dritte Platz beim Rand Award für "Videostore" der Kasseler Filmstudenten Nik Baczewski, Harry Besel, Massimiliano Crimi und Áron Farkas

Nun war es an der Zeit, den ersten Randfilm-Award an die beste Nachwuchsproduktion zu vergeben. Die Kuratoren der Kurzfilmrolle, Simone Stadler und Ben Mertens kürten nach der Publikumsabstimmung den besten Film. Dieser hieß in diesem Jahr "Nabelschnur" von Eliza Petkova. In kühlen, streng durchkomponierten Bildern wurde hier das Bedürfnis des Menschen nach Beformundung parabelhaft zusammengefaßt. Wir dürfen gespannt sein auf zukünftige (Lang-)Filme der Regisseurin auf kommenden Randfilmfesten.

Mit dem amerikanischen Dokumentarfilm "Until the light takes us" kam dann das offizielle Filmprogramm zum Abschluß. Gerade hier zeigte sich nocheinmal alles, was den Themenkreis des Randfilmfestes 2016 auszeichnete: Besessenheiten, Rauschzustünde, und ein subjektiver Blick auf die Wahrheit, der das Deutungsvermögen des Zuschauers herausforderte. Und damit war nicht nur musikalisch der Weg zum Höhepunkt des Festivals geebnet: der Abschlußgala im Hotel Reiss.

Monika M. auf der Bühne

"Nekromantik 2" ist ein Film mit einer internationalen Fanbase. Daß die Randfilmer das 25jährige Jubiläum in Kassel ausrichten durften, war schon eine kaum zu überschätzende Ehre, der sie auch angemessenen Respekt zollten: Allein die Wahl des traditionsreichen Ballsaals im Hotel Reiss verriet, daß hier ein Kreis geschlossen werden sollte: Von den Stummfilmen eines W.F. Murnau, über den Mief der Fünfziger Jahre bis hin zum Neuen Deutschen Film von Herzog und Fassbinder - man muß Regisseur Jörg Buttgereit zugutehalten, daß er es mit "Nekromantik 2" geschafft hat, einen Film in dieser Tradition und doch mit einem ganz eigenen, eigenartigen Stil zu drehen.
Das mag die anhaltende Popularität des Films erklären, den Buttgereit in seiner Einführung auf der Bühne des Hotel Reiss selbst als "schwer erträglich" bezeichnete. Das liegt aber eher an der elegischen Erzählweise, als an irgendwelchen Blutexzessen. "Nekromantik 2" behandelt den Tabubruch der Nekrophilie mit größter Selbstverständlichkeit und thematisiert fast en passant die Unüberwindlichkeit der Individualität im Zusammenhang einer Liebesbeziehung.

Prominent besetzte Band zur 25th-Anniversary-Gala "Nekromantik 2" im Hotel Reiss: Andre Abshagen, Laura Landergott, Monika M. und Jens Friebe

Nach der augenzwinkernden Einführung betraten dann die Musiker rund um Hauptdarstellerin Monika M. die Bühne. Jens Friebe, Laura Landergott, Andre Abshagen. Und spielten den Soundtrack simultan zur Filmvorführung live ein. Auch einzelne tongestalerische Elemente, wie das Graben im Gottesacker, wurden clever eingebaut.
Dank eines exzellenten Bühnenaufbaus waren Leinwand und Band in der Präsenz gleichberechtigt, so daß man sich in den Film fallen lassen konnte, und doch immer wieder die Virtuosität der MusikerInnen auch optisch verfolgen konnte. Ein Hochgenuß, der eigentlich nur von der Erkenntnis überschattet wurde, nicht alle Filme auf diese Weise sehen zu können - im Rahmen eines Live-Konzerts, gegenüber dem sämtliche Online-Streams schamvoll erbleichen.

Kaum einer der Zuschauer verließ nach dem Konzert sofort den Saal - stattdessen nutzten die Meisten die kleine Pause, um sich mit Getränken einzudecken. Und es lohnte, noch dazubleiben, kamen doch zum großen Finale noch einmal die Protagonisten des Abends für ein Podiumsgespräch zusammen. Neben Monika M. und Jörg Buttgereit nahmen auch Gerold Eppler und Filmemacher Klaus Stern an dem von Volker Beller und Ingo Biermann moderierten Filmgespräch teil.

Podiumsdiskussion (v.links): Volker Beller, Klaus Stern, Gerold Eppler, Monika M., Jörg Buttgereit und Ingo J. Biermann

Klaus Stern erzählte von seiner ersten Begegnung mit dem Film "Nekromantik 2", über den er seinerzeit als Journalist berichten durfte. Als Höhepunkt präsentierte er eine VHS-Pressekopie, auf der noch der Aufkleber mit der Bitte um Rücksendung prangerte. 25 Jahre hatte sie auf seinem Kasseler Dachboden verbracht, nun übergab er sie dem sichtlich erfreuten Jörg Buttgereit, der die Übergabe mit dem Ausruf "Ick bin reich!" ironisch kommentierte.

Gerold Eppler betonte zum Schluß nocheinmal die Bedeutung, das Verdrängte der Gesellschaft ans Licht zu fördern und lobte die Bemühungen der Randfilmer in dieser Hinsicht.

Mit dem Randfilmfest 2016 ist des dem Randfilm e.V. gelungen, ihr Ziel zu erreichen: Ein Festival, welches Genregrenzen überwindet und mit einem anspruchsvollen Programm Diskussionen in Gang bringt. Mancher wähnte sich anbetrachts der hohen Zahl an Panels, Lesungen und Vorträgen schon fast eher auf einer Art Filmtagung, statt auf einem Filmfestival.

Doch das ist doch eigentlich das größte Kompliment, weil dort, wo Menschen zusammenkommen, um über Filme zu reden, auch das Kino lebendig ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos auf dieser Seite von Markus Schreiber und Ralf Stadler, Filmstills und Promo vom jeweiligen Verleih
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